Snaredrums als Tischleuchten, Bassboxen als Spiegel, alte Ölfässer als Barmöbel: Im Hotel Falter in Drachselsried wird der Umbau nicht versteckt, sondern ausgestellt. Der neue Gastro- und Barbereich wirkt wie ein Set aus Proberaum, Tonstudio und Hotelbar – nur ohne den Deko-Reflex, der Themenräume oft platt macht. Hier ist das Grobe gewollt, die Gebrauchsspur Teil des Plans. Und genau an dieser Stelle wird das Projekt interessant: nicht wegen des Rock-Slogans, sondern weil Materialstrategie, Atmosphäre und Betrieb auf einmal die gleiche Melodie singen.

Marinus und Theresa Falter führen das Haus in dritter Generation. Marinus Falter beschreibt die Neugestaltung als bewusstes Zeichen – für Gäste, für Nachhaltigkeit, für mehr Kreativität in der Branche. Der Umbau des Gastro- und Barbereichs fand im Winter 2024/25 statt. Falter koppelt die gestalterische Entscheidung an das wirtschaftliche Echo: Er beziffert die Entwicklung im Vergleich zum Vorjahr mit plus 25 Prozent bei den Anfragen, plus 33 Prozent bei den Buchungen und rund plus 25 Prozent beim Umsatz. Das klingt, als hätte man alles richtig gemacht.

Umbau mit Haltung: Re-Use wird zum Gestaltungsprinzip
Konzipiert wurde die Umgestaltung gemeinsam mit Innenarchitekt Manuel Körner vom Augsburger Studio Pixel+Punkt. Körner beschreibt Nachhaltigkeit nicht als dekoratives Beiwerk, sondern als zentrales Gestaltungselement. Daraus entsteht ein konsequenter Re-Use-Charakter: Materialien werden wiederverwendet und in eine neue Hierarchie gesetzt. Recycelte Ziegel tragen die Barwand, Instrumententeile übernehmen Licht- und Objektfunktionen, Ölfässer werden zu Möbeln. Es geht nicht um das Wiederverwenden an sich, sondern um ein System: Materialien mit Vorleben dürfen im Raum sichtbar bleiben.
Beim Boden kommt dieses Prinzip besonders deutlich zum Tragen. Körner spricht von einem kreativen Deal mit Tarkett: Statt Neumaterial wurde ein bunter Teppichboden aus Restbeständen verlegt, die sonst entsorgt worden wären. In klassischen Hotelinterieurs ist der Boden oft der große Beruhiger, die Fläche, die Lärm schluckt. Hier macht er das Gegenteil. Er führt die Erzählung fort, erregt Aufmerksamkeit und setzt den gestalterischen Ton, bevor überhaupt ein Möbelstück gelesen wird.

Körner beschreibt den Raum als bandproberaum-nah: Cases dienen als Sitzmöbel, Vintage-Hochtöner werden zu Leuchten, eine akustisch durchdachte „Tonstudiowand“ gehört zur Idee. Das ist ein ehrlicher Zugriff, weil gerade in Bar- und Gastrobereichen die Atmosphäre an Gesprächen, Hall und Klang schnell scheitert.
Positionierung als rockendes Hotel
Das Hotel Falter inszeniert sich als Deutschlands einziges rockendes Hotel. Zum Konzept gehören Wellnessangebote wie Sauna, Pool und Infrarotkabine – kombiniert mit Rockmusik, Stilzitaten aus der Musikwelt und dem Versprechen: „Urlaub so laut oder leise, wie man will.“ Im Alltag wird diese Marke über kleine Rituale gehalten. Marinus Falter erzählt, dass Gäste in Bandshirts zur Begrüßung ein hauseigenes „Hell’s Helles“ aufs Haus bekommen. Das ist eine präzise Gästeansprache: Es macht aus Ankunft einen Moment und aus einem Thema eine Handlung.

Innenarchitektonisch ist spannend, dass der Umbau das Markenbild nicht über Poster, Gitarrenformen oder Wandzitate abkürzt, sondern über Material, Objektlogik und Licht. Wenn eine Snaredrum tatsächlich als Leuchte funktioniert, ist das ein Gimmick: Es entscheidet über Maßstab, Blendung, Wartung, Robustheit. Wenn Ziegel recycelt werden, stellt sich automatisch die Frage nach Haptik, Fugenbild, Alterung – und nach dem Grad, in dem Patina im Hotelbetrieb zugelassen wird.
Alles neu für Erstgäste und Stammgäste
Marinus Falter spricht nicht nur über neue Gäste, sondern auch über die Wiederkehrquote. Er sagt, man steigere sie, weil Stammgäste ein vertrautes Hotel neu erleben könnten. Das ist der Punkt, an dem Umbauten scheitern können: Entweder man verschreckt die, die schon da waren, oder man bleibt so vorsichtig, dass niemand etwas merkt. Der Falter-Umbau setzt sichtbar auf Veränderung, aber innerhalb einer klaren Erzählung. Rock ist hier nicht Thema, sondern Rahmen. Nachhaltigkeit nicht Dekor, sondern Methode.

Wer das als Blaupause liest, sollte trotzdem genau hinschauen, was hier eigentlich geleistet wird. Nicht jedes Haus kann oder will seine Marke so zugespitzt ausspielen. Und nicht jede Wiederverwendung funktioniert automatisch nachhaltig, nur weil sie sichtbar ist. Aber als Projekt zeigt das Hotel Falter, wie man eine Haltung in Materialentscheidungen übersetzt – und wie diese Entscheidungen wiederum das Gesamterlebnis im wichtigsten Bereich eines Hotels prägen: dort, wo Gäste sitzen, bleiben, reden, bestellen, wiederkommen.



