Radisson RED London Twickenham: Starkes Interior

Radisson RED London Twickenham: Starkes Interior

Twickenham ist ein Ort mit eigenem Takt. Unter der Woche wirkt vieles zurückhaltend, fast kontemplativ – bis plötzlich Spieltag ist und der Strom Richtung Allianz Stadium jede Nebenstraße in Bewegung setzt. In dieses Spannungsfeld schiebt sich seit Kurzem das Radisson RED London Twickenham, das nicht nur „neben dem Stadion“ existieren will, sondern sich innenarchitektonisch als Teil der Umgebung inszeniert. Der Anspruch klingt groß, beinahe zu groß, aber er ist immerhin sauber übersetzt: in Materialien, Kunst, Blickachsen und in eine Raumdramaturgie, die eher an einen öffentlichen Treffpunkt erinnert als an ein klassisches Hotel.

Die Gestaltung entstand unter der kreativen Leitung von DLSM Studio, begleitet von der Rugby Football Union (RFU). Nach Angaben aus dem Projektkontext war die Ausgangsfrage nicht, wie man Rugby dekorativ zitiert, sondern wie man die soziale Struktur des Viertels – Homeoffice-Kultur, lokale Routinen, diese typisch britische „meet for a quick coffee“-Mentalität – räumlich greifbar macht. Und dann natürlich: wie man die Energie des Sports zulässt, ohne dass es nach Themenhotel aussieht.

Die Lobby als Bühne: Grün, Marmor, Leder – und ein Tuk-Tuk als Statement

Der erste Eindruck ist bewusst un-hotelhaft. Die Lobby ist als hybride Zone gedacht, die Co-Working und Ankommen verschränkt. Man merkt, dass hier Verweildauer geplant ist: nicht nur für Gäste, die den Schlüssel wollen, sondern für Menschen, die bleiben, arbeiten, kurz auftanken. Im Zentrum sitzt ein salbeigrüner Tuk-Tuk, der als Coffee-Point dient – eine dieser Entscheidungen, die im Rendering wagemutig aussehen und in Realität entweder genial wirken oder schnell nach Gag. Hier kippt es nicht, weil das Objekt farblich eingebunden ist und zugleich eine Art „Gemeinschaftsanker“ bildet: eine Insel, um die sich der Raum organisiert.

Materialseitig wird mit klaren Codes gearbeitet. Grün- und Weißmarmor spielt mit der Idee des „leafy suburb“ und nimmt den Rasen nebenan fast wörtlich. Dazu tanfarbenes Leder, das an alte Rugby-Stiefel und Balloberflächen erinnert – haptisch warm, visuell ein Gegengewicht zum Stein. Das ist keine subtile Palette, aber eine, die sich gut merken lässt. Und genau darum geht es: Wiedererkennbarkeit, ohne laut zu schreien.

Kunst als Raumkonstruktion: Skulptur, schwebender Ball, sportliche Dynamik

Radisson RED ist bekannt dafür, Kunst nicht als Dekoration zu behandeln, sondern als identitätsstiftendes Element. In Twickenham wird das Programm auf Rugby gemünzt, allerdings nicht mit Musealität, sondern mit Energie. Eine übergroße Statue einer Rugbyspielerin setzt in der Lobby den Schwerpunkt und wirkt wie eine räumliche Klammer: nicht nur Blickfang, sondern Maßstab. Darüber ein glänzend inszenierter Rugbyball, der wie eingefrorene Bewegung im Raum hängt. Dazu großformatige Arbeiten, die Dynamik und Stadionnähe eher abstrakt als illustrativ transportieren.

Interessant ist dabei die Entscheidung, Rugby nicht als reine Heldenerzählung zu verhandeln. Das Motiv wird gestalterisch übersetzt, nicht ausgestellt. Das macht den Unterschied zwischen „Sportbar-Atmosphäre“ und Interior-Konzept.

The Loft: Neon, Bewegung, Spiel – ein Social Space mit kontrollierter Unruhe

Im Obergeschoss heißt die zweite große Szene „The Loft“. Hier wird es lebhafter, verspielter, bewusst weniger geschniegelt. Arcade-Games, Cocktailbar, ein Bereich für Familien – das Programm wirkt wie ein Test, wie weit sich ein Hotel als öffentlicher Raum öffnen kann, ohne sich selbst zu verlieren. Die Gestaltung setzt auf Kunst, die Momentum, Bewegung und Geschwindigkeit thematisiert, und auf Neonakzente, die dem Raum diese leicht poppige, urbane Note geben, die Radisson RED so gern ins Feld führt.

Aus Interior-Perspektive ist spannend, wie hier mit „kontrollierter Unruhe“ gearbeitet wird: Die Elemente wirken wie Versprechen auf Aktivität, ohne dass der Raum chaotisch wird. Ob das im Betrieb so bleibt, hängt später von Akustik, Lichtsteuerung und Zonierung ab – aber als Konzept ist es stimmig: ein Ort, der nicht nur abends funktioniert, sondern auch tagsüber eine Rolle spielen kann.

Rugby als Erzählung in Bildern: Calcutta Cup, Red Roses, florale Abstraktion

Im gesamten Haus tauchen Arbeiten auf, die Rugby eher als kulturelle Signatur einsetzen. Genannt werden ein stilisiertes Motiv zum Calcutta Cup und eine abstrakte Interpretation der „Red Roses“, Englands Frauenrugby-Team, die über dekonstruierte florale Formen erzählt wird. Dazu kommt Fotografie, die Spieler und Community-Momente zeigt und so eine zweite Ebene eröffnet: nicht nur Sport, sondern Zugehörigkeit.

Gerade diese Mischung ist klug. Twickenham lebt vom Stadion, ja – aber es besteht nicht nur daraus. Wer das Viertel auf „Matchday“ reduziert, verpasst den Alltag. Das Interieur versucht, beides zu halten: Energie und Normalität. Ein bisschen, als würde man ein Wohnzimmer bauen, das an manchen Tagen zur Partyzone wird.

Ein Hotel als sozialer Raum: Anspruch trifft Alltag

General Manager Sandeep Kaushik ließ sinngemäß wissen, das Haus sei nicht als nachträglicher Anbau ans Stadion gedacht, sondern als lebendiger Bestandteil Twickenhams; die Co-Working-Lobby und die soziale Energie von The Loft seien direkte Antworten auf das, was man aus der Community herausgehört habe. Holly Hallam, Mitinhaberin von DLSM Studio, betonte sinngemäß die Aufgabe, in einem ikonischen, sportlich geprägten Gebäude die historische Schicht zu respektieren und zugleich ein modernes, offenes Ambiente zu schaffen; das Ergebnis sei Ausdruck der Zusammenarbeit von DLSM Studio, RFU, Aimbridge und Radisson.

Für uns bleibt am Ende die angenehm konkrete Erkenntnis: Hier wurde nicht nur ein Stil „aufgelegt“, sondern ein Nutzungsszenario mitgestaltet. Ob die Lobby tatsächlich zum Nachbarschaftstreff wird oder am Ende doch vor allem Hotelgäste dort sitzen, lässt sich heute noch nicht seriös behaupten. Aber das Design bietet immerhin die Voraussetzungen: klare Ankerpunkte, eine erzählerische Materialität und Kunst, die Raum macht – statt ihn zu füllen.

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